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Unsere Schule

Theaterabend im DS-Container am 9. Juli 2021

 Und plötzlich war sie wieder da: die Theaterstimmung mit der Schlange vor dem Einlass, dem sich aus der Künstlergarderobe in Wellen verbreitenden Lampenfieber, dem verdunkelten Raum und schließlich dem Applaus: Nach nur vierwöchiger Probezeit unter verschärften Hygienebedingungen präsentierte der Grundkurs „Darstellendes Spiel“ von Gudrun Raschke-Ziegler ein „Trotz-Corona-Stück“, und Lola Jost, Jule Krahe und Elena Grünewald präsentierten ihre Abiturarbeiten, die in diesem Jahr hygienebedingt nur als Einzelleistungen und ohne Publikum hatten abgenommen werden können.

Sommernachtstraumatisch im Geiste William Shakespeares ging es zunächst zu: Wie weiland Zettel der Weber in Shakespeares Fantasy-Komödie will eine Theatertruppe „Pyramus und Thisbe“ – die antike Urfassung von „Romeo und Julia“ – auf die Bühne bringen. Und wie bei Shakespeare das Feenreich dazwischenfunkt, waren es in der modernen Adaption nach einer Idee von Yannik Hörler, der auch den dauerdesinfizierenden Hausmeister im Schutzanzug gab, die Corona-Regeln und die gespielte Unfähigkeit der Akteure, die den tragischsten aller Stoffe in eine Farce verwandelten. Wenigstens starben zum Schluss nicht wie in der Erzählung von Ovid die Liebenden, sondern, von dem wütenden Pyramus niedergestreckt in einer Lache aus Ketchup und Desinfektionsmittel, der Hausmeister. Eine spritzige Aneignung des alten Stoffes, der man die kurze Probenzeit nicht anmerkte – vielleicht eine Folge der Tatsache, dass das gesamte Ensemble an der Erarbeitung des Textes und seiner szenischen Umsetzung beteiligt war.

Nach einer Umbau- und Lüftungspause versetzte Lola Jost in ihrer von Falk Richters Stück „Zwei Uhr nachts“ inspirierten „postdramatischen Performance“ sich und das Publikum in die zermürbende Gedankenmühle einer namenlosen Person, die sich, aufgesaugt und ausgelaugt von den Anforderungen ihrer Firma, zu fragen beginnt: „Wer bin ich?“

Weniger beklemmend, da vorgetragen im komödiantischen Ton Dario Fos und Franca Rames, aber gerade deshalb vielleicht als Appell, sich für eine geschlechtergerechte Arbeitswelt einzusetzen, umso eindrücklicher, stellte Jule Krahe „Das Erwachen“ einer Hausfrau dar, die zwischen Windelwechseln und Morgentoilette ihren Schlüssel sucht, um zur Arbeit aufbrechen zu können. Zu diesem Zweck durchläuft sie zur Belustigung und Belehrung des Publikums alle Stationen des vorigen Arbeitstages, nur um zum Schluss festzustellen, dass Sonntag ist und sie noch hätte im Bett bleiben dürfen.

Den Abschluss des Abends bildete Elena Grünewald mit ihrer szenischen Adaption des Eingangsmonologs aus Goethes „Faust“. Zunächst glaubte man sich in eine konventionelle Schultheateraufführung mit dem üblichen Pathos und historisierender Kostümierung versetzt – bis plötzlich das Telefon klingelte und Wagner (ebenfalls Elena Grünewald) zum Videochat auf der Leinwand erschien. Plötzlich befand man sich in einem modernen Stück, und man merkte, dass es auch unsere von Eitelkeit und Geltungsbedürfnis geprägte Welt ist, von der Goethes überhaupt nicht angestaubter Text handelt. Doch das war nicht die letzte Volte. Elena sprang aus ihrer Rolle und wandte sich direkt ans Publikum: Auch sie hat schließlich „studiert mit heißem Bemühn“ – immerhin hat sie jetzt ihr Abitur –, aber macht das, was ihr die Gelehrten beigebracht haben, sie wirklich „klüger als zuvor“, das heißt: vorbereiteter auf die Welt, die sich nun vor ihr ausbreitet? Zumindest die Tatsache, dass Elena es vermochte, aus dieser klassischsten aller Schullektüren diese Frage herauszudestillieren und als notwendig zu beantwortende ins Licht zu stellen, lässt hoffen, dass sie zumindest teilweise mit „ja“ zu beantworten ist

Peter Höfle

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