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Unsere Schule

„Edith und Minna“ - die Geschichte einer Freundschaft
erzählt, gelesen und gespielt von Jürgen Flügge

Am 7. Mai 2019 fanden sich die Schüler der Jahrgangsstufe 9 in der Aula ein, um der ergreifenden Geschichte zur Zeit der Shoa, erzählt vom Sohn einer Zeitzeugin, zu folgen. Zunächst spürte man eine leichte Skepsis im ganzen Raum, da saß ein älterer Mann mit mehreren antiken Koffern auf einem Stuhl und wurde von einem warmen Licht beleuchtet, doch schnell hatte dieser unsere volle Aufmerksamkeit, denn mit ruhiger, freundlicher Stimme begann er zu sprechen, während hinter ihm eine Reihe von Bildern abgespielt wurden.
Jürgen Flügge fand vor einigen Jahren einen Koffer, ihm war schnell klar, dies war der Koffer, der seine Mutter über eine so lange Zeit begleitet hatte. Gefüllt mit Briefen, Fotografien und persönlichen Gegenständen, löste dieser im Theaterregisseur zunächst ein etwas mulmiges Gefühl aus, schließlich drang er gerade in die
Privatsphäre seiner kürzlich verstorben Mutter Rosa Wilhelmina, von allen liebevoll Minna genannt, ein. Doch die Neugier und der Wunsch, all die Geschichten seiner Mutter vollends verstehen und in sie eintauchen zu können, war zu groß, erzählte Flügge. Gelegentlich ahmt er ihren amüsanten südhessischen Dialekt nach. Hier ihre Geschichte:

Minna arbeitet 1931 als Dienstmädchen bei einer wohlhabenden Familie, den Westerfelds - Juden, in ihrem Heimatort Stockstadt am Rhein. Das gut erzogene, junge Mädchen macht sich keine Gedanken, als sie die Arbeitsstelle annimmt, und auch als sich der Terror langsam anbahnt, steht sie dahinter und stellt ihre fast täglichen Besuche bei der Familie nicht ein. Schnell schließt Minna die zwei Töchter der Westerfelds, Betty und Edith, in ihr Herz. Mit ihrer liebenswürdigen Art ist sie immer willkommen im Haus der Familie. 1933 hat der Nationalsozialismus Stockstadt vollends eingenommen, bis auf wenige mutige Bürger, die sich der Bewegung nicht anschließen. Den ersten tiefen Stich verspürt Minna, als sie mit ihren zwei Schützlingen Betty und Edith an der Hand das städtische Schwimmbad erreicht und ein Schild am Eingang das Eintreten verbietet; wütend und enttäuscht beeilen sich die Mädchen, zurück in ihr - so scheint es - noch sicheres Heim zu kommen. Doch auch dieses werden die jüngsten Mitglieder der jüdischen Familie bald schon verlassen müssen - es geht nach New York.
Minna ist gezwungen, ihren Lieblingen „Lebewohl“ sagen, genauso dem Rest der Westerfelds, diese wollen Deutschland noch nicht verlassen, zu riskant wäre die Reise für die 90jährige Großmutter Sara. Minna muss von den Westerfelds entlassen werden, in ihr polizeiliches Zeugnis wird ein „judenfreundlich“ eingetragen, was ihr 1934 die Suche nach einer neuen Anstellung zunehmend erschwert - sie gilt jetzt als Kommunistin und „Judenhure“. Schließlich zieht Minna nach Frankfurt, ins heutige Westend, endlich darf sie wieder bei einer Familie arbeiten: arische Bankiers mit einer liberalen Einstellung. In ihrem neuen Domizil erhält sie dann die Nachricht, die ihr fast das Herz bricht: Sigmund Westerfeld, der Vater der Familie, wurde in ein KZ gebracht und auch Mutter Frieda verabschiedet sich mit folgenden Worten von ihrem ehemaligen Dienstmädchen: „Eine Gruppe von Menschen und ich werden eine große Reise antreten, leider sehen wir uns auf dieser Welt nicht mehr…“
Von da an gilt sie als „verschwunden“ und „nicht auffindbar“, Jürgen Flügge lässt seinen Blick mit einer hochgezogenen Augenbraue über die Schüler schweifen, wir alle verstehen, 2019 nicken wir
solche Aussagen nicht mehr einfach ab.

Minnas Herz ist zwar erschüttert, trotzdem wagt sie es, sich zu verlieben, zum ersten Mal. Der junge Mann heißt Paul. Die Hochzeit wird ihnen auf Grund ihres Rufes als „Judenmädchen“ verwehrt, all das erzählt sie ihren Freundinnen in New York via Briefen und Postkarten und kommt so auch an Informationen, dass auch diese die Männerwelt erkunden und sich ständig fragen, ob sie ihre Familie und Minna je wiedersehen werden...
Irgendwie schafft es Wilhelmina, sich durch diese schwere Zeit zu kämpfen, muss aber ihre große Liebe Paul zurücklassen, als der Bankier, bei dem sie angestellt ist, sich weigert, in den Bau von KZ-Lagern zu investieren, strafversetzt wird und sie mit der Familie nach Polen umzieht. Minna wird klar, dass auch sie nicht jünger wird und wird bei dem etwas verzweifelten Versuch, eine kleine Familie zu gründen, schwanger.  Unser Erzähler Jürgen Flügge ist 'unterwegs' und seine Mutter kehrt zurück in ihre Heimat, geboren wird Jürgen jedoch nicht in Stockstadt, sondern im nahen Darmstadt - eine bewusste Entscheidung, denn auf keinen Fall will Minna, dass auf seiner Geburtsurkunden der Name des Ortes steht, der so eifrig den Nationalsozialismus unterstütze und ihr die Jugend zur Hölle gemacht hatte. Nach der Geburt bricht der Kontakt mit Jürgens Vater ab, doch als dieser fünf Jahre alt ist und der Krieg und auch der Holocaust endlich vorbei sind, geschieht ein Wunder: die Jugendliebe Paul kommt aus der Kriegsgefangenschaft und kehrt zu der erleichterten Minna zurück, nimmt die Vaterrolle für den kleinen Jürgen ein und ist endlich in der Lage, Wilhelmina zu heiraten.
So bekommt Minna ihr verdientes „Happy End“, doch es kommt noch besser: Der Kontakt zu Edith und Betty war schon lange abgebrochen, vom Krieg zerschlagen, doch dann steht Edith vor Minnas Tür in Deutschland, viel Überwindung hat es sie gekostet, doch letzen Endes konnte ihre Tochter sie überzeugen. Beide Frauen sind mittlerweile um die 90 und es fällt ihnen schwer, sich zu verständigen, denn Edith hat das Deutsch lange verlernt. Ihre letzten Jahre jedoch verbringen sie Seite an Seite und voller Glückseligkeit.

Applaus und ein befreiendes Aufatmen erfüllt den kleinen Raum unserer Schule und Jürgen
Flügge erhebt sich; die letzten Worte, die er an uns richtet, sind vermutlich jedem im Gedächtnis geblieben: „Ihr seid jung und ihr seid klug, öffnet eure Augen und Ohren für das, was um euch herum geschieht, es gibt Menschen die immer noch sehr viel Unmenschliches durchsetzen möchten, gebt solchen Menschen nicht noch ein mal die Möglichkeit, an die Macht zu kommen!
Man muss nicht unbedingt sehr mutig sein, um zu erkennen, dass etaws nicht recht ist, man muss
nur ein bisschen menschlich sein.“

Malyn Erhatic, 9f

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